{"id":260,"date":"2026-07-25T10:29:02","date_gmt":"2026-07-25T08:29:02","guid":{"rendered":"https:\/\/nichtegal.fau.org\/?p=260"},"modified":"2026-07-27T23:53:04","modified_gmt":"2026-07-27T21:53:04","slug":"armut-abschaffen-statt-verwalten-neue-formen-der-zusammenarbeit-schaffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/nichtegal.fau.org\/?p=260","title":{"rendered":"Armut abschaffen statt verwalten \u2013 Neue Formen der Zusammenarbeit schaffen"},"content":{"rendered":"<p>Alle regen sich \u00fcber ihre Arbeit auf, aber wer N\u00e4gel mit K\u00f6pfen macht und arbeitslos wird, der sch\u00e4digt irgendeine ausgedachte Solidargemeinschaft, als die wir uns Deutschland vorstellen. Solidarit\u00e4t bedeutet hier, dass Arbeit nicht stattfindet, um die Bed\u00fcrfnisse von Menschen zu befriedigen, sondern, um Profit zu generieren und daraufhin ein Teil dieses Profits dazu genutzt wird, die schlimmsten Folgen dieses Systems abzufedern. Solidarit\u00e4t bedeutet, f\u00fcr Stadt und Staat zu ackern und sich blo\u00df nicht aufzulehnen, damit alles weiterlaufen kann. Solidarit\u00e4t bedeutet, dass Menschen mit fehlendem Geld oder fehlender Aufenthaltsgenehmigung zum Mitmachen erpresst werden.<\/p>\n<p>Eine Form der Solidarit\u00e4t, die eher unseren Vorstellungen entspricht, findet hier und jetzt statt: Wenn zum Beispiel Menschen aus unserem Umfeld gefeuert und von ihrem Boss um tausende von Euros geprellt werden, und wir gemeinsam auf die Stra\u00dfe gehen, um dagegen und gegen schlechte Arbeitsbedingungen allgemein zu protestieren.<\/p>\n<p>Und an F\u00e4llen wie diesem sieht mensch auch, wie flie\u00dfend die \u00dcberg\u00e4nge zwischen Abh\u00e4ngigkeit von Arbeitgeber\\*innen und Abh\u00e4ngigkeit vom Amt sind. Ein Beharren auf die eigenen Rechte, Rationalisierungen, die hunderte Leute den Job kosten und nur die Aktion\u00e4r\\*innen gl\u00fccklich machen, oder einfach nur Pech k\u00f6nnen jederzeit daf\u00fcr sorgen, dass Menschen ihre Arbeit verlieren. Umso wichtiger ist es, dass wir uns nicht spalten lassen, denn je mehr Arbeitslose von Jobcenter und co drangsaliert werden k\u00f6nnen, desto weniger Risiken k\u00f6nnen und wollen Arbeitende dabei eingehen, sich gegen beschissene Arbeitsbedingungen zu wehren.<\/p>\n<p>Oft werden die guten und schlechten Arbeitslosen gegeneinander aufgewogen. Die guten sind diejenigen, die einen akzeptablen Grund f\u00fcr ihre Arbeitslosigkeit haben, zum Beispiel eine Krankheit oder einen Schicksalsschlag. Sie leiden schrecklich darunter, den Steuerzahlenden auf der Tasche zu liegen und schreiben jeden Tag f\u00fcnfzig Bewerbungen, schaffen es aber trotzdem nicht, eine Festanstellung zu finden. Zum Beispiel, weil es weitaus mehr erwerbslose Menschen als freie Stellen gibt. Die guten Arbeitslosen sind dankbar daf\u00fcr, dass der Sozialstaat ihnen diese wundervolle Chance gibt und sehen ein, dass sie als Menschen weniger wert sind als diejenigen, die hart arbeiten und Steuern zahlen.<\/p>\n<p>Die schlechten hingegen genie\u00dfen ihr Leben und weichen den Gewissensbissen, die sie gef\u00e4lligst haben sollten, geschickt aus. Sie sehen nicht ein, dass wir alle unseren Teil beitragen m\u00fcssen \u2013 manche halt, indem sie die Produktionsmittel besitzen und andere f\u00fcr sich schuften lassen, manche, indem sie ihre Arbeitskraft verkaufen und es vielleicht als einen Dienst an ihrem Staat (und damit nat\u00fcrlich ihren Mitmenschen) verkl\u00e4ren, um das Tag f\u00fcr Tag auszuhalten.<\/p>\n<p>Wir sind solidarisch mit allen Arbeitslosen und lehnen die Logik des Kapitalismus ab, nach der es ein Problem darstellt, wenn es \u201ezu wenig Arbeit\u201c gibt, anstatt einen Anlass zu Freude. Unser Ziel ist es nicht, alle in Jobs zu bringen oder Hartz IV \/ B\u00fcrgergeld \/ Grundsicherung etc. und damit die Verwaltung und Verwertung von Arbeitslosen zu verbessern, sondern, Lohnarbeit komplett abzuschaffen.<\/p>\n<p>Damit verweigern wir uns auch der Logik der Parteien, die vermeintlich auf unserer Seite stehen. Das Argument, dass es total wenige Totalverweiger\\*innen g\u00e4be, basiert schon auf der Annahme, dass Arbeitslosigkeit einzud\u00e4mmen ist. Dass die neue Sanktionspolitik keine Kosten spare und sogar an anderer Stelle verursache, schlie\u00dft schon mit ein, dass Arbeitslose f\u00fcr den Staat m\u00f6glichst kosteng\u00fcnstig verwaltet werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wer in Deutschland an die Macht will, beugt sich dieser Logik. Parteien nutzen vielleicht lauwarme Beteuerungen, die Lebenssituationen von arbeitslosen Menschen verbessern zu wollen, aber den Wirtschaftsstandort Deutschland im internationalen Konkurrenzkampf voranbringen m\u00fcssen sie letztendlich, wenn sie gew\u00e4hlt werden. Und dazu geh\u00f6rt es nun einmal, die Arbeitslosigkeit so niedrig wie m\u00f6glich zu halten und die Arbeitenden davon abzuhalten, es ihren entspannten, erwerbslosen Zeitgenoss\\*innen gleichzutun.<\/p>\n<p>Wenn wir uns also weder auf Parteien, noch auf andere staatliche Stellen verlassen k\u00f6nnen, bleiben nur wir selbst \u2013 die Befreiung der Arbeitslosen kann wohl nur das Werk der Arbeitslosen selbst sein.<\/p>\n<p>Das bedeutet f\u00fcr uns, dass wir lernen sollten, Aufgaben und T\u00e4tigkeiten kollektiv und bed\u00fcrfnisorientiert zu organisieren. Wir sollten konkret die Art und Weise verlernen, wie wir Organisation in der Gesellschaft gelernt haben. Also die Verteilung von Aufgaben durch Hierarchie und Autorit\u00e4t, getrieben von Profitinteressen, und das Ausf\u00fchren durch Disziplin und Gehorsam.<\/p>\n<p>Wir wollen eine Geschenk\u00f6konomie, in der Menschen nach F\u00e4higkeiten geben und nach Bed\u00fcrfnissen nehmen. Diese Form des Wirtschaftens existiert bereits in kleinen Ans\u00e4tzen und es geht darum, sie zu st\u00e4rken. Die Umstellung auf eine bed\u00fcrfnisorientierte Wirtschaft ist einer der Schritte, die f\u00fcr die Abschaffung des Kapitalismus n\u00f6tig sind.<\/p>\n<p>Uns geht es um den Ausbau von Netzwerken der Solidarit\u00e4t und gegenseitigen Hilfe. Daf\u00fcr brauchen wir keine neue zentrale Organisation, sondern diese Netzwerke entstehen \u00fcberall dort, wo wir etwas f\u00fcr andere Menschen tun, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, und konkret umverteilen. Diese in Ans\u00e4tzen breit in der Gesellschaft verankerten Praktiken haben das Potential, die Welt grundlegend zu ver\u00e4ndern, indem sie sich weiter ausbreiten. Konkret sehen wir das schon, wenn wir Bekannten beim Umzug helfen, zum Amt begleiten, auf die Kinder aufpassen, sie in schwierigen Momenten emotional unterst\u00fctzen oder auch auf ein Abendessen zu uns nachhause einladen. Oder auf gr\u00f6\u00dferer Skala, wenn wir uns zu Streiks zusammenschlie\u00dfen, H\u00e4user besetzen, Betriebe \u00fcbernehmen und kollektiv f\u00fchren oder Geld zusammenlegen, um Jobcenter-Sanktionen auszugleichen.<\/p>\n<p>Wie sch\u00fctzen wir uns gegen Missbrauch dieser Strukturen? Unsere Empfehlung ist, dass wir auf unser Empfinden vertrauen, die Menschen kennenlernen, mit denen wir uns organisieren und klare Grenzen kommunizieren, wenn wir das Gef\u00fchl bekommen, dass eine Person sich nicht korrekt verh\u00e4lt. Und wir sollten uns gleichzeitig bewusst sein, dass Bed\u00fcrfnisse und F\u00e4higkeiten bei jedem Menschen unterschiedlich sind. Nur, weil uns etwas leichtf\u00e4llt oder wir bestimmte Dinge nicht f\u00fcr ein erf\u00fclltes Leben brauchen, muss das f\u00fcr andere Personen noch l\u00e4ngst nicht gelten.<\/p>\n<p>Das Jobcenter jedoch macht uns klar, dass wir noch weit von einer solchen Wirtschaftsweise entfernt sind. Es gibt klare Vorgaben, wie viel Geld im Regelsatz f\u00fcr welche Zwecke vorgesehen ist \u2013 mein Highlight sind die 2\u20ac im Monat f\u00fcr Bildung \u2013, und dass alle Arbeitslosen am besten Vollzeit im Lager arbeiten m\u00fcssen, um aus der Abh\u00e4ngigkeit rauszukommen, wie es im Kooperationsplan hei\u00dft. Deshalb m\u00fcssen wir Armut abschaffen, anstatt sie zu verwalten und neue Formen der Zusammenarbeit schaffen!<\/p>\n<p>Hier gehts zur <strong>\u00dcbersicht aller bundesweiten Aktionen<\/strong>, diverser B\u00fcndnisse: <a href=\"https:\/\/nichtegal.fau.org\/?cat=1\"><strong>Terminliste<\/strong><\/a>. Schreibt uns gern weitere!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle regen sich \u00fcber ihre Arbeit auf, aber wer N\u00e4gel mit K\u00f6pfen macht und arbeitslos wird, der sch\u00e4digt irgendeine ausgedachte Solidargemeinschaft, als die wir uns Deutschland vorstellen. Solidarit\u00e4t bedeutet hier, dass Arbeit nicht stattfindet, um die Bed\u00fcrfnisse von Menschen zu befriedigen, sondern, um Profit zu generieren und daraufhin ein Teil dieses Profits dazu genutzt wird, &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/nichtegal.fau.org\/?p=260\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eArmut abschaffen statt verwalten \u2013 Neue Formen der Zusammenarbeit schaffen\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":45,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[32,9,34,35,33],"class_list":["post-260","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-news","tag-armut","tag-cdu","tag-deutschland","tag-freiheit","tag-gewerkschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/nichtegal.fau.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/260","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/nichtegal.fau.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/nichtegal.fau.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nichtegal.fau.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nichtegal.fau.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=260"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/nichtegal.fau.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/260\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":262,"href":"https:\/\/nichtegal.fau.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/260\/revisions\/262"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/nichtegal.fau.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/45"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/nichtegal.fau.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=260"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/nichtegal.fau.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=260"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/nichtegal.fau.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=260"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}